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Zeichnen lernen heißt sehen lernen:
Das hört sich gut, aber auch mystisch an. Dabei lässt sich einfach erklären, was gemeint ist.
Zeichnen lernen heißt aber auch, sich dumm zu stellen.
Sehen ist ein hoch komplexer Vorgang, der sich zum größten Teil im Gehirn abspielt.
Stellen Sie sich vor, sie stehen an einem sonnigen, leicht windigem Tag am Rande einer Lichtung im Wald. Lichtflecken tanzen über den Boden, die Blätter der Bäume bewegen sich leicht, das Gras auf der Lichtung wiegt sich hin und her. Plötzlich huscht auf der anderen Seite der Lichtung ein Eichhörnchen am Baumstamm hoch...
Wenn wir etwas sehen, nehmen unsere Auge eine riesige Menge Informationen und Daten auf, viel mehr als zum Gehirn übertragen werden können. Aus der Anzahl der Nervenzellen im Sehnerv und der Erholungszeit der Nervenzellen lässt sich die Datenmenge, die die Sehnerven weiter geben können tatsächlich berechnen, sie ist wesentlich geringer als die Zahl der Informationen, die die Sehzellen der Netzhaut liefern.
Deshalb beginnt die Bearbeitung der Daten schon im Auge, schon auf der Netzhaut werden z.B. Kontraste verstärkt, eventuell auch schon Muster ausgewertet. Mit Mustern sind Texturen und regelmäßige Bewegungen gemeint, wie sie z.B das Wiegen des Grases, die Bewegungen der Blätter und das Tanzen der Lichtflecken sind.
Wieso sehen wir in dieser unendlichen Informationsmenge ein winziges huschendes Eichhorn, das sich zudem vom weit entfernt stehenden Baumstamm farblich kaum abhebt? Weil es eine Störung der Muster verursacht.
Die Informationsverarbeitung im Gehirn ist komplex und bisher wenig verstanden. Im Hirn gib es Zellen, die nur bei Strichen bestimmter Neigungswinkel aktiv werden, es gibt also so etwas wie fest angelegte Nervenstrukturen für geometrische Grundfiguren (obwohl es in der Natur kaum "Striche" gibt, diese sind meist abstrakte Grenzlinien aneinander stoßender Flächen).
Dabei huschen die Augen hin und her, fokussieren innerhalb einer Sekunde mehrere unterschiedlich im Raum angeordnete Gegenstände, ändern dauernd Standpunkt, Perspektive und Fluchpunkte und trotzdem, oder gerade deshalb, wird im Kopf aus diesem ständig fließenden Informationsstrom ein Bild.
Dieses Bild im Kopf hat mit einem Foto bzw. einer zweidimensionalen Projektion, wie es eine Zeichnung ist, wenig zu tun, es ist viel, viel mehr.
Die Wahrnehmungsprozesse geschehen meist unbewusst. Zeichnen lernen bedeutet nun, dieses Bild im Kopf in eine Projektion auf die Zeichenfläche zu verwandeln. Dafür muss man anders sehen als normal. Als Zeichner muss ich mir viele der unbewusst ablaufenden Wahrnehmungsprozesse bewusst machen, und oft gegen diese unbewusst ablaufende „Bearbeitung“ „ansehen“. Ich muss Leistungen, die beim Wahrnehmen automatisch ablaufen, unterdrücken. Ich muss mich "dumm" stellen.
Einem Anfänger fällt es z.B. extrem schwer, einen auf ihn weisenden Arm zu zeichnen, der „perspektivisch verkürzt“ ist, weil er diesen nicht als ein Ensemble von Linien mit bestimmten Steigungen sieht sondern eben als einen dreidimensionalen Arm, der eine bestimmte Größe und Länge hat und dessen Verkürzung in seinem Kopf weggerechnet wird. Oder er wird von 2 gleich großen Vasen, von der eine im Hintergrund steht, die eine zu klein oder die andere zu groß zeichnen. Oder er wird sich nur auf das Hauptobjekt des Motivs konzentrieren und die Umgebung ausblenden. Autistische Kinder können z.B. oft schon mit 6 bis 7 Jahren perspektivisch korrekte Zeichnungen machen. Das ist jedoch keine besondere Fähigkeit, sondern der Ausdruck der Tatsache, dass sie die dargestellten Dinge kognitiv nicht erfassen. Interessanter weise verlieren sie diese Fähigkeiten, wenn die autistischen Störungen z.B. auf Grund einer erfolgreichen Behandlung oder mit steigendem Alter nachlassen.
Zeichnen lernen heißt also, von einer selektiven schnellen Art des Sehens, die für das Überleben optimiert ist umschalten zu können auf eine langsame, abstrakte Art, die Details wahrnimmt und z.T. die unbewusst arbeitende "Informationsbearbeitung" ignoriert. Was nicht heißt, daß Zeichnen ein "bewusster Prozess" wäre, das genaue Gegenteil ist der Fall, ähnlich wie beim Spielen eines Instrumentes zeichnet man am besten in einer Art Trance.
Natürlich ist Zeichnen auch noch mehr. Es ist, genau wie das Spielen von Instrumenten (oder trivialer das Autofahren) eine Art der Meditation, und es ist eine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Wer ein Motiv zeichnet, setzt sich mit diesem ein, zwei Stunden intensiv auseinander und während man mit dem Stift die Spuren des Sehens auf dem Papier protokolliert nimmt man das Motiv mit allen Einzelheiten in sich auf.
Vor allem aber setzt man sich beim Zeichnen permanent mit räumlichen Strukturen und Proportionen auseinander. Und deswegen nimmt Zeichnen für alle Disziplinen, die mit Formgebung im weitesten Sinne zu tun haben eine ähnliche Rolle ein wie die, die die Mathematik für die Natur- und Gesellschaftswissenschaften spielt.
Immer, wenn irgendetwas Form annehmen soll, wenn Objekte „gestaltet“ oder im Raum angeordnet werden müssen, egal ob das nun z.B. eine klassische Plastik, ein Turm aus Fernsehern für Videokunst oder ein Wolkenkratzer ist, immer, wenn an etwas ästhetisch beurteilen, abschätzen oder sich auch im Kopf vorstellen soll, kommen einem die Erfahrungen und Fähigkeiten, die man beim Zeichnen erworben hat, zugute.
Das oben gesagte gilt für "Zeichnen nach der Natur". Das ist aber nur ein winziger Bereich beim Zeichnen. Man kann auf jede Art zeichnen, mit unzähligen Materialien und Techniken. Zeichnen ist die experimentellste, schnellste und persönlichste Art sich künstlerisch zu äußern.
Anmerkung:
Natürlich kann man diese Art des Sehens auch anders lernen. Chinesische Meister sollen mit ihren Schüler Jahre durch die Gegend gegangen sein, dauernd auf bestimmte Eigenschaften und Formen der Umwelt hinweisend, jedoch ohne zu malen oder zu zeichnen. Tatsächlich ist die Übung, die man braucht um einen Pinsel oder Stift halten zu können, sehr gering. Wenn der Schüler mit Hilfe des Meisters dann das Sehen gelernt hatte, übte er noch ein paar Tage die Pinselhaltung und konnte malen. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass das aktive Zeichnen die schnellste und effizienteste Methode ist, "Sehen zu lernen".